Teil 1 der dreiteiligen Blogreihe „Angst aus psychoanalytischer Sicht“
Um zu verstehen, wie Angst entsteht, lohnt sich ein Blick in die Tiefen unserer Psyche – genauer gesagt in zwei bedeutende Theorien der Psychoanalyse:
Sigmund Freud war überzeugt, dass unser seelisches Leben von inneren Kräften, den sogenannten Trieben, gesteuert wird. Er unterschied dabei zwischen zwei grundlegenden Tendenzen im Menschen: dem Lebenstrieb und dem Todestrieb, auch bekannt als Triebdualismus.
Freud war sich bewusst, dass diese Vorstellung stark philosophisch ist. Die Triebe lassen sich nicht direkt „nachweisen“ im naturwissenschaftlichen Sinn. Seither ist eine breite Debatte darüber entfacht. Einige Autoren vertreten die Ansicht, dass Gefühle sogenannte Triebabkömmlinge sind, also Folgen bzw. Reaktionen auf unsere inneren Triebregungen.
Die Psychoanalytikerin Melanie Klein ging noch einen Schritt weiter als Freud. Sie beobachtete intensiv das emotionale Erleben von Kleinkindern – ihre Ängste, ihre Wut, ihre Fantasien – und kam zu dem Schluss: Schon sehr früh im Leben sind Kinder mit starken inneren Spannungen konfrontiert, vor allem mit aggressiven Impulsen.
Aus ihren Beobachtungen entwickelte sie die Theorie, dass der Todestrieb eine zentrale Rolle in unserer psychischen Entwicklung spielt. Anders als Freud, der Lebens- und Todestrieb eher als sich ergänzende Gegenspieler ansah, betrachtete Klein den Todestrieb als die primäre innere Kraft, auf die unsere Psyche reagieren muss.
Und genau hier kommt die Angst ins Spiel.
In der Objektbeziehungstheorie ist Angst nicht nur eine Reaktion auf äußere Gefahr, wie etwa bei einem lauten Geräusch oder einer realen Bedrohung. Vielmehr wird Angst verstanden als Reaktion auf innere Bedrohungen – vor allem auf die zerstörerischen Impulse, die aus dem Todestrieb stammen.
Das bedeutet: Angst entsteht in dieser Theorie nicht erst durch konkrete Erlebnisse, sondern ist von Anfang an Teil unseres inneren Erlebens und zeigt sich als grundlegende Angstreaktion. Sie ist Ausdruck eines tiefen Konflikts: der Wunsch nach Verbindung und Erhaltung steht im Spannungsfeld mit Impulsen, die trennen oder zerstören wollen. Die kindliche Psyche erlebt das als etwas Bedrohliches – und reagiert mit Angst.
Wenn wir Angst als eine Reaktion auf innere Bedrohungen verstehen – wie es die psychoanalytische Theorie vorschlägt –, dann stellt sich die Frage: Was macht unsere Psyche mit dieser Angst?
Vor allem in der frühen Kindheit kann diese Angst überwältigend wirken. Doch unsere Psyche ist nicht passiv – sie versucht, mit dieser Angst umzugehen, sie abzuwehren, zu verarbeiten oder zu kontrollieren. Das geschieht über ganz bestimmte psychische Mechanismen, die meist unbewusst ablaufen.
Diese Mechanismen stehen im Zentrum des nächsten Blogbeitrags. Dort schauen wir uns genauer an, wie sich unsere Psyche im Laufe der Entwicklung organisiert, um mit Angst umzugehen.
==> Mehr zur Entwicklung von Angst und Angststörungen finden Sie in Teil 2 und Teil 3 dieser Reihe.