Teil 2 der dreiteiligen Blogreihe „Angst aus psychoanalytischer Sicht“
Im ersten Teil dieser Blogreihe haben wir gesehen, dass Angst eine tief verwurzelte Reaktion auf den sogenannten Todestrieb ist – eine innere Kraft, die uns mit starken zerstörerischen Impulsen konfrontiert.
Doch wie schützt uns unsere Psyche vor dieser überwältigenden Angst? Wie schafft sie es, das innere Gleichgewicht trotz solcher Bedrohungen zu bewahren?
Genau das versucht dieser Beitrag zu beantworten.
Die Objektbeziehungstheorie von Melanie Klein bietet eine faszinierende Erklärung dafür. Sie beschreibt zwei grundlegende psychische „Positionen“ oder Haltungen:
Diese Begriffe können auf den ersten Blick verwirrend wirken. Deshalb schauen wir sie uns Schritt für Schritt an.
Beginnen wir mit der paranoid-schizoiden Position: Hier spaltet die Psyche das Innenleben, um die Angst abzuwehren. Das bedeutet, dass sie das „Gute“ und das „Böse“ strikt trennt – so kann das Gute, Verbindende nicht vom Bösen, Zerstörerischen verletzt werden.Dieses innere „Böse“ ist Ausdruck jener destruktiven Kräfte, die aus dem Todestrieb stammen. Doch anstatt das Böse als Teil von uns selbst zu akzeptieren, verlagert die Psyche diese Impulse nach außen. Ein klassisches Beispiel: Die erste Objektwahrnehmung des Kindes. Die Mutterbrust wird in zwei Teile gespalten:
Spaltung und Projektion sind Abwehrmechanismen, mit denen das Kind Kontrolle gewinnt und sich vor der eigenen inneren Zerstörung schützt. Doch auch im Erwachsenenalter können solche Mechanismen aktiv bleiben – etwa in Form von Verfolgungsängsten, sozialen Ängsten oder spezifischen Phobien.
Das Böse verfolgt uns also plötzlich von außen. Daher die Bezeichnung dieser Phase:
Mit zunehmender Reifung tritt die sogenannte depressive Position in den Vordergrund.
Hier erkennt die Psyche: Es gibt nicht zwei getrennte Objekte, sondern nur eins – mit guten und schlechten Anteilen zugleich.
Es ist dieselbe Mutterbrust, die einmal nährend und einmal frustrierend wahrgenommen wird.
Diese Erkenntnis löst die Spaltung auf – bringt aber neue Gefühle mit sich:
Die Wut, die zuvor nur dem „Bösen“ zugeschrieben wurde, wird nun zugleich als Teil des geliebten Objekts wahrgenommen. Das ist belastend.
Im Erwachsenenleben zeigt sich die depressive Position oft in Depressionen, Zwangssymptomen oder Verlustängsten – verbunden mit dem Versuch, etwas wieder gutzumachen.
Wichtig ist zu verstehen, dass diese beiden Positionen keine starre Abfolge von Entwicklungsphasen sind. Vielmehr wechseln wir je nach Lebenssituation, Konflikten und Belastungen zwischen ihnen hin und her. Sie sind sozusagen Haltungen, mit denen unsere Psyche auf Angst reagiert und versucht, sie zu bewältigen. In der Therapie geht es deshalb nicht nur darum, Angst als störendes Symptom zu betrachten, sondern sie als Signal zu verstehen – als Einladung, die eigene Geschichte zu erforschen und zu verstehen, woher diese Ängste eigentlich stammen.
Im nächsten und letzten Teil dieser Blogreihe werden wir dann den Brückenschlag wagen: Wir schauen uns an, wie diese psychoanalytischen Theorien die klassischen Angst- und Zwangsdiagnosen ergänzen und vertiefen – und wie sich aus dieser Verbindung ein neues Verständnis von Angststörungen ergibt.
==> Mehr dazu finden Sie in Teil 3.